St. Stephani Aschersleben

Diese drei Skulpturen sind über dem Turmportal der St. Stephanikirche in Aschersleben angebracht. Die größere Figur in der Mitte steht unter einem reich verzierten Baldachin. Sie hält einige Steine in der rechten Hand. Auch die beiden kleineren unter schlichteren Baldachinen sind mit Steinen abgebildet. Der verschlagen dreinschauende Mann auf der linken Seite holt mit dem rechten Arm zum Wurf aus.

Turmportal

Eine biblische Szene ist hier abgebildet, die Steinigung des Stephanus. Der Namensgeber der Kirche in Aschersleben gilt als erster christlicher Märtyrer. Er wurde von seinen Gegnern gesteinigt, weil er von seinem Glauben nicht abwich. Stephanus wurde bei der Gründung des Bistums Halberstadt um das Jahr 800 als einer der Schutzheiligen des dortigen Doms eingesetzt. Das Patrozinium übertrugen die mittelalterlichen Kirchengründer in der Folgezeit auf etliche andere Kirchen in der Diözese.

Der Kirchenbau zog sich fast über das ganze 15. Jahrhundert hin, die Einweihung erfolgte im Jahr 1506. Von der geplanten Doppelturmfassade wurde nur der Südturm vollendet. Der Nordturm konnte aufgrund statischer Probleme nur bis zum ersten Obergeschoss aufgeführt werden. Die Außenansicht der Kirche spiegelt mit ihren spitzbogigen Portalen und Fenstern, den Strebepfeilern und einem polygonalen Chor klar die Formensprache der Gotik wieder.

Innenraum

Der weite Innenraum wird durch zwei Reihen achteckiger Pfeiler in ein breites Mittelschiff und zwei gleich hohe schmale Seitenschiffe unterteilt, die mit Kreuzrippengewölben abschließen. Auf einigen der exakt behauenen Sandsteinquader sind Steinmetzzeichen zu erkennen, eingravierte Markierungen der Handwerker, mit denen sie ihre Arbeit kennzeichneten.

Der Raum birgt eine reichhaltige, vielschichtige Ausstattung aus mehreren Jahrhunderten in sich. Eine Besonderheit ist die Anwesenheit von zwei unterschiedlich alten Kanzeln. Die ältere, so eine Inschrift, wurde im Jahr 1656 von Bürgermeister Matthias Lau gestiftet. Sie ist mit einer Fülle von geschnitzten Figuren verziert und zeigt Bibelverse, die sich auf die Verkündigung des Wortes Gottes beziehen. Der Schalldeckel schließt mit einer Bekrönung ab, die Christus auf einem Regenbogen sitzend mit einer Weltkugel zu seinen Füßen zeigt. Darunter sind Propheten und Engel mit den Leidenswerkzeugen zu sehen. An der Brüstung des Kanzelkorbs sind Apostel und die vier Evangelisten dargestellt, am Kanzelaufgang die Erzengel.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden neue Ausstattungsstücke im Stil der Neugotik angeschafft. Die neue, schlichter gehaltene Kanzel wurde im Jahr 1905 am Zugang zum Chorraum aufgestellt. Am Kanzelkorb stehen auf Podesten vor geschnitzten Maßwerkbögen vollplastische Figuren der Reformatoren Luther und Melanchthon. Auch der Apostel Petrus und Stephanus, der Namenspatron der Kirche, haben hier einen Platz gefunden.

Im Chorraum, unweit der Kanzel, des Ortes der Predigt, befinden sich die Taufe und der Altar, an dem Christen das Abendmahl feiern. Der hochaufragende neugotische Schnitzaltar mit reichlichem Dekor zeigt über einer Abendmahlsszene eine Christusskulptur mit einer Kreuzfahne als Symbol für den Sieg über den Tod. In zwei kleineren Nischen zu seinen Seiten sind zwei Engel eingefügt. Das bronzene Taufbecken wurde im Jahr 1464 gegossen, wie aus einer Inschrift am oberen Rand hervorgeht. Reliefs unter Kielbögen stellen Apostel und Heilige dar. Auch der Gießer hat auf seinem Werk den Heiligen Stephanus abgebildet, erkennbar an einem Palmzweig als Zeichen für den Märtyrer und den Steinen in seiner rechten Hand.

Singet dem Herrn in eurem Herzen

Kol. 3,16

So lautet eine Inschrift an der Brüstung der Orgelempore im Westen des Kirchenraums. Sie weist auf die Bedeutung des Gesangs im evangelischen Gottesdienst hin. Die Empore ruht auf einer Arkadenstellung im Renaissancestil, einem Einbau des 17. Jahrhunderts. Die Orgel mit einem neugotischen Prospekt wurde im Jahr 1907 anstelle eines Vorgängerinstruments von der Firma Röver erbaut.

Orgelempore

Die Orgel in Aschersleben veranschaulicht auch die Bedeutung der Erinnerungskultur im Kirchenraum einer großen Stadtkirche. In die Holzrahmung des Prospekts sind Gemälde eingefügt, die Personen aus der Geschichte der Stadt darstellen. Aufwändiger gestaltet sind der Kirchenstuhl des Andreas Stockelbrandt (1541 – 1609) und das Epitaph des Valentin Herwig (1561 -1613). Die beiden Kunstwerke in typischem Renaissancestil sind an den seitlichen Chorwänden angebracht. Sie erinnern an zwei Bürgermeister der Stadt.

Es sind aber nicht ausschließlich Honoratioren der Stadt, derer in der Kirche gedacht wird. Eine große Tafel hält das Gedenken an die Gefallenen des 1. Weltkrieges aufrecht. Die Vielzahl an Namen bedrückt.

Einen ganz besonderen Schatz stellt eine Reihe von Gemälden im Kirchenraum dar, die nach Brinkmann (Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Aschersleben, Halle, 1904) der Cranach-Schule zuzuordnen sind. Die meisten von ihnen veranschaulichen vorreformatorische Glaubensvorstellungen wie ein dreiflügeliger Altaraufsatz (Retabel), dessen mittleres Gemälde die Gottesmutter mit Kind zwischen den Aposteln Johannes und Andreas zeigt.

Altaraufsatz

Auf den beiden seitlichen Tafeln sind vorwiegend Heilige dargestellt, deren Vita durch nichtbiblische Legenden überliefert ist. Maria mit dem Jesuskind steht zwischen ihrer Mutter Anna, deren Kopf mit einem Tuch bedeckt ist, und der Hl. Katharina. Letztere zeigt zu ihren Füßen den Teil eines Rades, das der Überlieferung nach in ihrem Martyrium eine Rolle spielte. Das Retabel ist offenbar für einen Altar der Kirche in Aschersleben angefertigt worden, zeigt doch der andere Flügel wiederum den Hl. Stephanus unter einer roten Dalmatik, einem liturgischen Gewand. Er steht neben der Hl. Barbara, die einen Kelch trägt. Bei den rundlichen Gebilden auf dem Buch, das die Bischofsfigur in Händen hält, handelt es sich übrigens nicht um Steine. Es sind drei Goldklumpen, mit denen der Hl. Nikolaus drei Jungfrauen vor einem Dasein im Bordell gerettet haben soll…

Die Hl. Katharina ist auch auf einem weiteren Tafelgemälde abgebildet, zu erkennen auch hier an den Teilen eines zerbrochenen Rades. Der Legende nach sollte die fromme Christin auf einem Rad hingerichtet werden. Dieses zerbrach dabei allerdings, was dazu führte, dass die Jungfrau enthauptet wurde. Die Identität ihres Begleiters dürfte dem Kenner von St. Stephani in Aschersleben klar sein.

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