Nidden – Heydekrug – Schaaken (LT,RUS)

Die Frauen von Nidden standen am Strand, 
über spähenden Augen die braune Hand,
und die Boote nahten in wilder Hast, 
schwarze Wimpel flogen züngelnd am Mast.

Die Männer banden die Kähne fest
und schrien: "Drüben wütet die Pest!
In der Niedrung von Heydekrug bis Schaaken
gehen die Leute in Trauerlaken!"

Kirche in Nidden auf der Kurischen Nehrung

Die Handlung der Ballade von Agnes Miegel spielt während einer großen Pestepidemie in Ostpreußen am Anfang des 18. Jahrhunderts. Die Frauen aus Nidden auf der Kurischen Nehrung erfahren von ihren Männern, die auf ihren Kähnen vom Fischfang zurückkehren, dass auf dem Festland die Pest grassiert. Die beiden anderen Ortschaften, die in dem Gedicht genannt werden, liegen auf dem Festland, das litauische Heydekrug (lit. Silute) im Norden, das heute russische Schaaken (russ. Nekrassovo) am südlichen Ufer des Haffs.

Die Kirche in Nidden liegt auf einer mit Kiefern bestandenen Anhöhe oberhalb des Ortes. Der Backsteinbau im Stil der Neogotik wurde 1888 eingeweiht. Hohe spitzbogige Fenster erhellen den Innenraum. Gestühl, Raumdecke und die umlaufende Empore aus dunklem Holz stammen aus der Erbauungszeit.

Das Altarbild im Chorraum zeigt ein Motiv, das gerade den Menschen aus Nidden, die in früheren Zeiten meist vom Fischfang auf dem Haff lebten, Hoffnung zusprach. Es zeigt den sinkenden Petrus, dem Jesus auf dem See seine Hand reicht (Matthäus 14, 22-33). Aus einigen Grabinschriften auf dem alten Friedhof in der Nähe der Kirche spricht die reale Gefahr, der die Hafffischer ausgesetzt waren.

Eine weitere Naturgewalt, die die Nehrungsbewohner bedrohte, waren die Wanderdünen, die im Laufe der Jahrhunderte mehrere Dörfer verschütteten. Die Frauen von Nidden in der Ballade Miegels halten allein das für die ihnen von Gott zugedachte Strafe und hoffen, er werde sie vor der Pest verschonen. Doch die Pest kommt auch nach Nidden. Nur sieben Frauen überleben. Sie haben ihren Lebensmut verloren. Von Gott abgewandt, ergeben sie sich der Macht der Düne.

Gott vergaß uns, er ließ uns verderben,
sein verödetes Haus sollst du erben, 
Kreuz und Bibel zum Spielzeug haben -
nur, Mütterchen, komm, uns zu begraben!

Schlage uns still ins Leichentuch,
du, unser Segen, einst unser Fluch.
Sieh, wir liegen und warten ganz in Ruh' -
und die Düne kam und deckte sie zu.

Während die Kirche in Nidden heute der katholischen Gemeinde als Gotteshaus dient, versammeln sich in Heydekrug nach wie vor evangelische Christen. Darauf deutet auch das Bildnis Martin Luthers in einer Nische in einer der Außenwände hin. Über dem Haupt des Reformators wie auch über der Eingangstür im spitzbogigen Portal finden sich Spruchbänder mit Passagen aus Luthers „Ein feste Burg“. Die im Stil des Historismus errichtete Kirche wurde 1926 eingeweiht und ist fast unverändert erhalten.

Der saalförmige Innenraum wird von einem Tonnengewölbe überspannt; an den Seiten sind flachgedeckte Emporen mit einer Säulenarchitektur eingebaut. Die künstlerische Innengestaltung wurde dem Königsberger Maler Richard Pfeiffer übertragen, der die umfangreiche Ausmalung schuf. Das lebensgroße Kruzifix in der Altarnische wurde von einem Sohn des Künstlers geschnitzt. Umrahmt wird der Chor von einem wandfüllenden Fresko, das eine Vielzahl von Portraits bedeutender Gestalten der protestantischen Kirchen- und Geistesgeschichte darstellt.

Eine bogenförmige Malerei mit musizierenden Engeln umgibt die Orgel an der Südwand. Weitere Gemälde illustrieren biblische Szenen. Wie in Nidden lassen einige der Motive einen Bezug zu den Gefahren des nahegelegenen Meeres erahnen. Neben dem Bild des sinkenden Petrus hat der Künstler unter anderem die Sturmstillung als Motiv gewählt.

Die älteste der hier vorgestellten Kirchen steht, oder vielmehr stand, in Schaaken. Der Bau aus dem Mittelalter hat zwar die Zeit der Pestepidemie noch „miterlebt“, die unmittelbare Zeit nach dem zweiten Weltkrieg aber nicht überstanden. Nur noch der Turm (ohne Dach) und Teile der Umfassungsmauern aus Feld- und Backsteinen lassen zumindest die äußere Gestalt der Kirche erahnen. An das Langhaus schließt sich ein dreiseitig geschlossener eingezogener Chor an.

In gewisser Weise ähnelt das Schicksal des Kirchengebäudes dem der versunkenen Dörfer auf der Nehrung. Während es dort der Dünensand ist, der die Häuser zudeckt, ist es hier die Vegetation, die die Ruine allmählich überwuchert.

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