Langheim (Łankiemy, PL)

Hoch oben am Turm der Kirche in Langheim hängt noch das alte Zifferblatt der Turmuhr, die nur einen Stundenzeiger besaß. Die Kirche des Ortes liegt, versteckt hinter hohen Bäumen, an der Landstraße von Bartenstein nach Rastenburg im Norden Polens. Hier, im früheren Ostpreußen, bin ich vor einigen Jahren das erste Mal auf die Familie Truchsess von Wetzhausen gestoßen.

Der Bau aus der Zeit des Deutschen Ordens ähnelt vielen anderen Kirchen der Region. Typische Merkmale sind der Staffelgiebel über der geraden Ostwand, der durch horizontale und vertikale Putzblenden gegliedert ist. Auch die oberen Turmgeschosse sind mit Blenden unterschiedlich gestaltet. Während diese Anteile in Backstein ausgeführt wurden, sind die Langhauswände und das untere Turmgeschoss mit Feldsteinen aufgemauert.

Im Innenraum der kleinen Saalkirche sind viele Teile der Vorkriegsausstattung erhalten. Die Brüstung der Orgelempore zeigt auf zwölf Feldern gemalte Bildnisse von biblischen Propheten. Die ihnen zugeordneten Bibelsprüche in der Unterschrift waren bis vor einigen Jahren noch von kleinen Tafeln mit den polnischen Namen der Propheten abgedeckt. Die rechte obere Aufnahme stammt aus dem Jahr 2017. Vier Jahre später waren die deutschen Inschriften freigelegt worden. In der Mitte der Brüstung findet sich ein Schriftzug mit der Jahreszahl 1686 und der Widmung „Der Knechte Freigebigkeit“ als Hinweis auf großzügige Stifter.

Der Hauptaltar aus dem Jahr 1682 und die Kanzel sind im Vergleich mit Aufnahmen aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg nur noch in Teilen bzw. stark verändert vorhanden. So bekrönte das geschnitzte Kruzifix im Zentrum des Altarretabels ursprünglich den nicht mehr existenten Schalldeckel der Kanzel. Das Ölgemälde der Auferstehung im oberen Geschoss entspricht dem originalen Zustand. Während die Malereien am Kanzelkorb und am Aufgang erhalten sind, sind die umfangreichen originalen Bibeltexte unter einem dunklen Anstrich verborgen. An einer Seitenwand ist der obere Anteil eines hölzernen Epitaphs angebracht, dessen übrige Teile fehlen.

Zwei Engel halten ein Wappen in der Mitte eines gesprengten Dreiecksgiebels. Die umfangreiche Inschrift unterhalb dieses Giebels wie auch ein kürzerer Text unmittelbar unter dem Wappen sind in lateinischer Sprache verfasst. Demnach wurde das Epitaph dem

Martin Sigismund Truchsess von Wetzhausen

gewidmet, der königlich polnischer Kammerherr war. Stifter der Gedenktafel waren seine Mutter Anna Maria, geb. von Tettau, „einstmals Kammerdame Ihrer Durchlaucht, der Königin von Schweden“, und sein Bruder Eberhard Ferdinand, der verschiedene illustre Titel innehatte. Martin Sigismund wurde im Jahr 1616 geboren und starb 1656 unverheiratet. Die beiden Brüder gehörten zum preußischen Zweig der Truchsesse, deren Stammsitz im unterfränkischen Wetzhausen lag. Im Mittelalter waren Mitglieder der Familie ins Deutschordensland gekommen und hatten dort Besitztümer erlangt, unter anderem auch in Langheim. Mit Martin Truchsess von Wetzhausen (1435- 1489) stellte das Adelsgeschlecht den 35. Hochmeister des Deutschen Ordens.

Diese vier steinernen Epitaphe waren früher in der Kirche vorhanden (die Bilder sind der CD „Ostpreußen – Dokumentation einer historischen Provinz. Die photographische Sammlung des Provinzialdenkmalamtes in Königsberg“ entnommen). Die beiden männlichen Personen, bei denen es sich offenbar um Ritter handelt, tragen ein Schwert. Zu ihren Füßen liegen Helm und Handschuhe. Die langen Gewänder und Kopfbedeckungen zeichnen die beiden anderen Reliefs als Frauengestalten aus.

Das linke Paar stellt Wilhelm (1542-1585) Truchsess zu Wetzhausen mit seiner Frau Anna Dorothea Schenk von Tautenberg (1562-1624) dar. Hans (1534-1608) Truchsess zu Wetzhausen war Herzoglich Preußischer Landrichter in Rastenburg. Er ist neben seiner Frau Catharina von Mercklichenroda (1538-1584) abgebildet.

Epitaphien wie diese wurden in den meisten Fällen nach dem Krieg in der folgenden polnischen Zeit entfernt, erinnerten sie doch an die deutsche und noch dazu feudale Vorgeschichte der Region. Am Stammsitz der Familie im fernen Unterfranken haben sich umso mehr Gedenktafeln erhalten.

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