Der Heilige Baudilius ist in nordeuropäischen Breiten wohl eher unbekannt. Er soll im südfranzösischen Nimes um 360 n. Chr. den Märtyrertod erlitten haben. In der kleinen Stadt Noves, eine gute Autostunde weiter östlich in der Provence, wird er als Patron verehrt. Die Pfarrkirche, die am Rande des Ortes hinter einem Teil der alten Stadtmauer liegt, trägt seinen Namen.

Von Norden führt ein mittelalterliches Stadttor zum Platz vor dem Portal auf der Südseite der Kirche. Ein unscheinbares Spruchband mit einer Anrufung des Ortsheiligen überfängt den Eingang:
„Heiliger Baudilius, betet für uns !“



Der Baukörper, dessen Mauern zum Teil aus Bruchsteinen, zum Teil aus behauenen Quadern errichtet wurden, wirkt von außen eigentümlich verschachtelt. Lediglich die halbrunde Chorapsis weist auf den im Kern romanischen Ursprungsbau hin, der im Laufe der Jahrhunderte durch Anbauten an den Außenseiten den Bedürfnissen der wachsenden Bevölkerung immer wieder angepasst wurde. Im Inneren entstanden so mehrere Kapellen, die mit Altären und Heiligenfiguren ausgestattet wurden.



Durch die wenigen kleinen Fenster der Außenmauern dringt nur wenig Tageslicht in den Kirchenraum. Das Mittelschiff, der aus dem 12. Jahrhundert stammende älteste Gebäudeteil, ist von einer Spitztonne überwölbt. Das Gewölbejoch vor der Chorapsis im Westen wird von einer Kuppel gebildet, der der Glockenturm aufsitzt.
In den später angebauten seitlichen Abschnitten finden sich meist Kreuzrippengewölbe über figürlich gestalteten Konsolen. Die Schlusssteine enthalten unterschiedliche Darstellungen von Wappen. An etlichen Steinquadern der Innenwände haben Steinmetze ihre Zeichen hinterlassen.



Fußboden, Gewölbe und Innenwände sind leider in einem schlechten baulichen Zustand. Renovierungsmaßnahmen in den 1990iger Jahren betrafen in erster Linie Dächer und Außenmauern der Kirche. Einige der Kapellen sind gesperrt und nicht mehr nutzbar. Vielleicht wirkt die Kirche aber gerade deshalb authentisch. Sie spiegelt eine fast tausendjährige (Bau-) Geschichte wider und gibt Einblicke in die vielfältige Glaubenspraxis ihrer Besucher.



Dem Pestheiligen Rochus von Montpellier ist die Kapelle an der nordöstlichen Ecke der Kirche gewidmet. Eine hölzerne Figur zeigt ihn als Pilger, dessen Fingerzeig auf eine Pestbeule am linken Bein auf die eigene Erkrankung hinweist. Der Hund an seiner Seite soll ihn der Legende nach auf seinem Krankenlager mit Brot versorgt haben. Auch eines der beiden hochgelegenen Rundfenster nimmt dieses Motiv auf. Das andere zeigt den von Pfeilen durchbohrten Heiligen Sebastian. Auch er wurde als Helfer gegen die Pest verehrt.




In einer weiteren Kapelle, die wie die Rochuskapelle wegen Bauschäden nicht betreten werden kann, erzählen zwei Rundfenster vom Martyrium des Heiligen Baudilius, der mit dem Schwert enthauptet worden sein soll. Ein Altar vor einem Pfeiler außerhalb der Gebäudenische ist dem Patron des Ortes gewidmet.



Einige Kapellen dienen auch heute noch als Ort des stillen Gebets. Für die unterschiedlichen Intentionen sind Opferstöcke in die Wände eingelassen. Das liturgische Zentrum für die Gemeinde ist die Chorapsis mit dem Hochaltar aus dem 18. Jahrhundert und dem davor befindlichen Zelebrationsaltar.



„Beati quorum remissae sunt iniquitates“
„Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind“ (Psalm 32)
Diese lateinische Inschrift, ein Vers aus einem der „Bußpsalmen“, ist am Hals einer der beiden Glocken, die im Innenraum aufgestellt sind, eingraviert. Möglicherweise wurde der Text von zwei Angehörigen der „Weißen Büßer“ (französ. „pénitents blancs“) vorgegeben, deren Namen im unteren Teil der Glocke genannt werden. Sie könnten beim Guss als Auftraggeber und Sponsoren eine Rolle gespielt haben. Die katholische Bruderschaft, die ihren Sitz in Montpellier hat, verfügte über eine Kapelle in Noves, die noch heute existiert. Auch der Namenszug der in Marseille ansässigen Firma Baudouin ist auf der Oberfläche der Glocken zu lesen. Dort wurden sie im Jahr 1822 gegossen.

